Bevor du abnimmst, wiegst du dich. Nicht weil die Zahl auf der Waage dich als Menschen definiert, sondern weil du ohne Startgewicht auch kein Ziel hast – und ohne Ziel später die Motivation verlierst. Genau das habe ich mit meinem Nachhaltigkeits-Fußabdruck gemacht. Und ich nehme dich mit, Schritt für Schritt.

Ehrlich gesagt: kein fertiges Konzept
Ich muss zugeben – ich habe meinen Status quo nicht von Anfang an sauber ermittelt. Bei mir war das eher ein Prozess, der bis heute läuft und weiterläuft. Aber genau deshalb will ich dich jetzt dazu animieren, es anders zu machen als ich: Miss deinen Ausgangspunkt, bevor du lospreschst. So wie beim Abnehmen ist das eigene Wohlbefinden ein guter erster Indikator – aber ohne Start- und Zielwert lässt die Motivation oft schneller nach, als einem lieb ist.
Wie du deinen eigenen Status quo ermittelst
Die gute Nachricht: Du musst dafür kein Klimaforscher sein. Es gibt wissenschaftlich fundierte CO₂-Rechner, die in wenigen Minuten eine erste, belastbare Einschätzung liefern – unter anderem den CO₂-Rechner des Umweltbundesamtes oder den Footprint-Rechner von myclimate. Beide fragen die typischen Lebensbereiche ab: Strom, Wohnen, Mobilität, Ernährung und Konsum.
Zur Einordnung: Der durchschnittliche Mensch in Deutschland verursacht aktuell rund 9,8 Tonnen CO₂-Äquivalent pro Jahr — klimaverträglich wäre nur etwa 1 Tonne. Diese Lücke ist das „Übergewicht“, von dem ich am Anfang gesprochen habe. Und wie beim Körpergewicht gilt: Die Zahl an sich verurteilt niemanden. Sie zeigt nur, wo du stehst.
Mein eigenes Ergebnis
Ich habe den Rechner des Umweltbundesamtes selbst durchgespielt. Hier mein Startwert:
| Bereich | Meine Bilanz | Deutscher Durchschnitt |
| Strom | 0,02 t | 0,56 t |
| Wohnen | 1,04 t | 1,95 t |
| Fahrten & Reisen | 0,73 t | 1,62 t |
| Flugreisen | 0,00 t | 0,47 t |
| Schiffsreisen | 0,21 t | 0,00 t |
| Ernährung | 1,38 t | 1,58 t |
| Sonstiger Konsum | 4,66 t | 2,52 t |
| Öffentliche Emissionen | 1,13 t | 1,13 t |
| Gesamt | 9,16 t | 9,83 t |
Auf den ersten Blick: knapp unter Durchschnitt, könnte schlimmer sein. Aber genau hier wird’s interessant – und ehrlich.
Der wunde Punkt: sonstiger Konsum
In fast jedem Bereich liege ich klar unter dem Schnitt. Kein Wunder, denn Strom, Wohnen und Ernährung sind bei uns seit Längerem Thema (du erinnerst dich vielleicht an meinen ersten Beitrag über den Teller). Aber bei „Sonstiger Konsum“ reiße ich es fast wieder raus: 4,66 Tonnen, fast das Doppelte des Durchschnitts.
Wenn ich ehrlich bin, hat das mehrere Gründe. Ich habe meinen persönlichen Kleidungsstil erst in den letzten Wochen wirklich gefunden — vorher habe ich mich eher ausprobiert. Ich habe zwar schon lange auf natürliche Materialien geachtet, aber weniger auf ökologische und soziale Aspekte dahinter. Erst seit einigen Monaten kaufe ich, wenn überhaupt, secondhand oder bei Marken, die in Europa produzieren. Dazu kam: Unsere Waschmaschine ist kaputtgegangen und ließ sich nicht reparieren — musste neu her.
Der größere Punkt aber ist ein anderer: Ich kaufe mir zu schnell Dinge, weil ich in dem Moment denke, ich brauche sie. Im Nachhinein befriedigt mich das aber meistens nicht – stattdessen stört mich eher, dass ich die Dinge dann zu wenig nutze. Genau daran arbeite ich gerade am meisten.
Was mich dabei selbst überrascht: Unsere Möbel sind mehrere Jahre alt, meistens von Kleinanzeigen. Elektrogeräte kaufen wir oft refurbished, und reparieren tun wir auch – unseren defekten Geschirrspüler habe ich selbst wieder instand gesetzt. Trotzdem steht am Ende diese hohe Zahl. Das zeigt mir: Ein paar gute Gewohnheiten reichen nicht, wenn an anderer Stelle der Konsum unkontrolliert läuft.
Was dahintersteckt, hat sogar einen Namen
Dass ein Kauf im Moment befriedigend wirkt und danach eher zur Last wird, ist kein Zufall und auch keine persönliche Schwäche. In der Glücksforschung ist das als hedonistische Anpassung oder hedonistische Tretmühle bekannt – ein Konzept, das auf die Psychologen Brickman und Campbell zurückgeht. Die Grundidee: Menschen gewöhnen sich an ein neues Niveau von Besitz und kehren nach kurzer Zeit zu ihrem ursprünglichen Zufriedenheitsniveau zurück. Der kurze Kick beim Kauf verpufft – und das Bedürfnis nach dem nächsten Ding entsteht von Neuem.
Wer das einmal verstanden hat, kauft nicht automatisch weniger. Aber man kauft bewusster, wenn man weiß, dass die Erwartung („das wird mich glücklich machen“) und die Realität („nach zwei Wochen liegt es in der Ecke“) systematisch auseinanderklaffen.
Mein Ziel für die nächsten 12 Monate
Bleiben wir bei der Waage: Ein Startgewicht ohne Zielgewicht bringt wenig. Deshalb hier mein Ziel — und ja, ich mag es ambitioniert: In 12 Monaten will ich bei 7 Tonnen CO₂e im Jahr stehen. Das wäre eine Reduktion von gut 2 Tonnen, fast ausschließlich über den Bereich Konsum.
Der Weg dahin ist bei mir eine Mischung aus Zahl und Gewohnheit. Konkret habe ich mich von den meisten werbelastigen Kanälen abgemeldet: Social Media mit Shopping-Fokus, Amazon-Benachrichtigungen, Payback, Newsletter. Ich erhoffe mir davon zwei Dinge gleichzeitig : weniger Impulskäufe und weniger mentalen Stress durch ständige Kaufreize. Parallel gehe ich gerade durch unsere Sachen, sortiere aus und verkaufe, was wir nicht mehr benötigen. Nicht nur, um Platz zu schaffen, sondern um ehrlich herauszufinden: Was brauche ich wirklich – und was war einfach nur „unnötiger“ Luxus?
Was ich dir wünsche
Wenn du deinen eigenen Status quo ermittelst und die Zahl höher ausfällt, als du gehofft hast: Das macht dich nicht zu einem schlechten Menschen. Genau wie beim Körpergewicht sind es meistens äußere Umstände und fehlendes Wissen, die uns „schwer“ gemacht haben – nicht individuelles Versagen. Wir sind, kollektiv betrachtet, seit den Nachkriegsjahren und dem wirtschaftlichen Aufschwung einfach sehr bequem geworden. Das war über Jahrzehnte sogar erwünscht.
Aber jetzt ist der Moment, sich aufzuraffen – so wie beim Sport, wenn man wieder anfängt, sich um sich selbst zu kümmern. Nur dass es hier nicht bloß um dich geht, sondern um unsere gemeinsame Welt.
Miss deinen Status quo. Setz dir ein Ziel, das dich ein wenig herausfordert. Und dann fang an – ohne schlechtes Gewissen, aber mit Ambition.
Ich bin ein normaler Typ und wenn du möchtest, komm mit auf diesen Weg. Schön, dass du da bist.
Quellen
- Umweltbundesamt: CO₂-Rechner — wissenschaftlich fundiertes Erhebungsinstrument zur persönlichen CO₂‑Bilanz. uba.co2-rechner.de
- myclimate Deutschland: Footprint-Rechner zur Einschätzung der persönlichen CO₂-Emissionen. germany.myclimate.org
- Durchschnittlicher CO₂-Fußabdruck in Deutschland (~9,8–10,3 t/Jahr) und klimaverträglicher Zielwert (~ 1 t/Jahr) — Umweltbundesamt / diverse CO₂-Rechner-Anbieter
- Brickman, P. & Campbell, D. T. (1971): Hedonic Relativism and Planning the Good Society — Grundlagenarbeit zur hedonistischen Adaptation/Tretmühle


