Warum ich meine Daten lieber selbst in der Hand habe

Bei Ernährung, Konsum und Energie ging es bisher immer um Dinge, die man anfassen oder zumindest auf einer Rechnung sehen kann. Datensouveränität ist anders – der Rohstoff ist unsichtbar, der Schaden oft erst spät spürbar. Trotzdem ist es für mich mittlerweile ein genauso wichtiger Baustein wie Strom oder Ernährung. In diesem Beitrag geht es um meinen eigenen Weg raus aus Social Media und US-Clouds, um meine NAS als Alternative zu Google Drive und Co., und um die Zahlen zu Marktmacht und Datensammlung. Die Ergebnisse haben mich bei der Recherche selbst überrascht.

Der Moment, der mich wachgerüttelt hat

Ich war selbst Nutzer von Google-Diensten, als ich auf einen Fall stieß, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist. Die New York Times berichtete 2022 über einen Vater in San Francisco, der im Februar 2021 – mitten in der Pandemie, als viele Arztpraxen nur eingeschränkt erreichbar waren – Fotos vom geschwollenen Genitalbereich seines Kleinkindes machte, um sie zur Ferndiagnose an den Kinderarzt zu schicken. Die Bilder synchronisierten sich automatisch mit Google Fotos. Googles Scansoftware stufte sie als mutmaßliches Missbrauchsmaterial ein, und informierte das NCMEC und die Polizei. Die Ermittlungen wurden zwar eingestellt, trotzdem sperrte Google dauerhaft seinen kompletten Account – Mail, Kontakte, Fotos, sogar den Mobilfunkvertrag, den er über Google abgeschlossen hatte. Laut NYT-Recherche gab es mindestens einen weiteren, gleichwertigen Fall.

Bei sexualisierten Inhalten Minderjähriger automatisiert zu prüfen, ergibt für mich grundsätzlich Sinn – keine Frage. Erschreckend fand ich aber, wie wenig Kontext- und Fehlerkorrektur-Spielraum diese Systeme lassen, und wie absolut die Konsequenz war: ein komplett gelöschtes digitales Leben, obwohl die Polizei den Mann entlastet hatte. Als wir unsere Tochter bekamen, hat mich dieser Fall noch einmal ganz anders beschäftigt: Ich wollte nicht, dass Bilder von ihrem Aufwachsen bei einem Konzern liegen, den ich weder kontrollieren noch wirklich verstehen kann. Das war der Punkt, an dem aus einem abstrakten Unwohlsein ein konkreter Entschluss wurde: unsere Daten und Fotos selbst zu Hause speichern, statt sie in fremde Clouds zu geben.

Der zweite Weckruf: mein gehacktes E-Mail-Postfach

Falls der Google-Fall für dich noch zu weit weg ist, um wirklich anzukommen – bei mir kam im März dieses Jahres der ganz persönliche Weckruf hinzu. Mein T-Online-Postfach wurde kompromittiert. Ich hatte plötzlich keinen Zugriff mehr.

Was danach passierte, war kein abstraktes Datenschutzproblem, sondern hatte reale Auswirkungen auf mein Leben: Über meinen Account wurde ein Netflix-Abo abgeschlossen, meine Familie wurde aus unserem gemeinsamen Spotify-Family-Abo geworfen, und jemand loggte sich in meinen Kleinanzeigen-Account ein und schaltete gefälschte Verkaufsanzeigen für einen 3D‑Drucker. Drei Käufer haben tatsächlich Geld überwiesen – die bekamen ihr Geld zum Glück über den Käuferschutz zurück, aber der Schaden und der Aufwand für alle Beteiligten waren trotzdem real.

Über den Identity Leak Checker des Hasso-Plattner-Instituts (ilc.hpi.de) – ein kostenloser Dienst, bei dem man die eigene E‑Mail-Adresse gegen bekannte Datenlecks prüfen kann – konnte ich die Ursache finden: ein wiederverwendetes Passwort, das aus einem Datenleck von 2021/2022 stammte. Ich war überzeugt, für dieses Konto eine Zwei-Faktor-Authentifizierung eingerichtet zu haben – hatte ich aber nicht. Ein doppelter Irrtum also: ein wiederverwendetes Passwort und eine Sicherheitsmaßnahme, die ich nur zu haben glaubte.

Dieser Vorfall war, neben den grundsätzlicheren Überlegungen, mit ausschlaggebend für meinen Wechsel zu Proton. Konkret geändert habe ich seitdem drei Dinge: Ich nutze inzwischen einen Passwort-Manager, habe überall, wo es geht, Zwei-Faktor-Authentifizierung aktiviert – teils sogar mit zeitbasierten Einmalpasswörtern (OTP) statt nur SMS – und habe beim Leak-Checker-Dienst des HPI den kostenlosen Benachrichtigungsservice aktiviert, der mich automatisch informiert, sollte meine E-Mail-Adresse künftig in einem neuen Leak auftauchen. Falls du selbst noch nie geprüft hast, ob deine eigene Adresse in einem Datenleck steckt: Der Dienst ist kostenlos und in wenigen Minuten erledigt – und wie mein Beispiel zeigt, kann das mehr als nur ein Ärgernis ersparen.

Die technische Basis: eine Synology DS223

Damit das hier nicht bei „Ich habe jetzt eine NAS“ stehen bleibt, kurz die Fakten: Ich nutze eine Synology DS223 mit zwei 3-TB-Festplatten im Spiegel-Modus (RAID 1) – fällt eine Platte aus, bleiben die Daten auf der zweiten erhalten. Zusätzlich läuft nachts ein verschlüsseltes Backup auf eine per USB angeschlossene externe Festplatte.

Ehrlich zur aktuellen Schwachstelle: Früher lief über Synology Hyperbackup zusätzlich ein verschlüsseltes Backup zu meinem kDrive von Infomaniak. Seit ich meine K-Suite gekündigt habe und zu Proton gewechselt bin, funktioniert das nicht mehr – ProtonDrive lässt aus Sicherheitsgründen keine externe Schnittstelle für Hyperbackup zu. Das heißt: Aktuell liegen alle Daten seit dem letzten Hyperbackup ausschließlich physisch bei uns zu Hause (NAS plus externe Platte) – bei einem Wohnungsbrand wäre das ein echtes Problem. Genau das ist der Grund, warum ich hier keine fertige Erfolgsgeschichte erzähle, sondern eine ehrliche Momentaufnahme: Ich arbeite gerade an einer neuen Lösung, entweder ein manuelles, verschlüsseltes Backup auf einen Stick, den ich bei mir trage, oder – komfortabler – eine kleine zweite Synology bei meinen Eltern oder meinem besten Freund, auf die automatisch gesichert wird.

Fernzugriff läuft bei uns über Synologys QuickConnect, abgesichert mit Zwei-Faktor-Authentifizierung. Darüber synchronisieren sich auch automatisch unsere Handyfotos, und meine Frau hat einen einfachen eigenen Zugang. Das ist, ganz ehrlich, das notwendige Übel für Komfort – und genau das ist die Kehrseite von Souveränität allgemein: Wer etwas selbst in der Hand haben will, muss sich damit beschäftigen und Arbeit hineinstecken. Ich bin kein IT-ler, aber es ist machbar, eine Firewall zu konfigurieren und grundlegende Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Für alle, die tiefer einsteigen wollen: Das eigentliche Set-up — Konfiguration, Sicherheitsmaßnahmen, Backup-Strategie im Detail – würde einen eigenen Beitrag füllen. Sag in den Kommentaren Bescheid, falls Interesse besteht.

Ein ehrlicher Blick auf die Energiebilanz

Bevor ich mir hier selbst auf die Schulter klopfe: Auch eine NAS verbraucht Strom, 24 Stunden am Tag. Und die unbequeme Wahrheit ist, dass eine einzelne NAS zuhause energetisch nicht automatisch die bessere Wahl gegenüber einer großen Cloud ist. Microsoft hat in einer eigenen Studie gezeigt, dass der Umstieg von kleiner, eigenbetriebener Server-Infrastruktur auf große Cloud-Rechenzentren bis zu 93 % Energie und 98 % CO₂ einsparen kann – durch bessere Auslastung, Skaleneffekte und hochoptimierte Kühlung. Große Rechenzentren erreichen PUE-Werte (Power Usage Effectiveness) nahe am Idealwert 1,0, während eine private NAS oft im Teillastbetrieb vor sich hinläuft, unabhängig davon, ob sie gerade gebraucht wird.

Der Gegenpunkt, den ich mir bewusst zugestehe: Ich habe volle Transparenz und Kontrolle über die Stromquelle meiner NAS – über unseren Ökostromtarif, den ich im letzten Beitrag beschrieben habe, und perspektivisch über unser geplantes Balkonkraftwerk, mit dem der Strom tagsüber direkt genutzt werden könnte. Bei Google, Microsoft oder Amazon muss ich den Nachhaltigkeitsversprechen dagegen einfach glauben, ohne sie selbst prüfen zu können. Da unser gesamter Haushaltsstrom inklusive NAS weiterhin unter dem Durchschnitt liegt, ist der Mehrverbrauch für mich vertretbar.

Gibt es meine Wunschvorstellung schon?

Realistisch wird sich kaum jemand eine eigene NAS hinstellen, nur weil er diesen Artikel gelesen hat — das ist kein Rat, der sich für die breite Masse skalieren lässt. Meine eigentliche Idealvorstellung wäre eine nachhaltige, europäische Cloud-Alternative – im besten Fall sogar als genossenschaftliches Projekt organisiert, bei dem Nutzer nicht nur Kunden, sondern Mitbestimmende sind.

Bei der Recherche für diesen Artikel bin ich fündig geworden: Der österreichische Anbieter fairkom ist historisch aus der ALLMENDA Social Business Genossenschaft hervorgegangen und heute Mitglied der „Genossenschaft für Gemeinwohl“ — also explizit gemeinwohlorientiert statt profitmaximierend organisiert. Ihr Cloud-Produkt faircloud basiert auf Nextcloud (Open Source), läuft ausschließlich auf europäischen Servern, ist DSGVO-konform und wird nach eigenen Angaben grün gehostet. Klein im Vergleich zu Google oder Microsoft, aber genau das, was ich mir gewünscht hätte.

Das hat mich neugierig gemacht, wie sich das gegen mein eigenes NAS‑Setup schlägt – nicht nur inhaltlich, sondern auch beim Preis. Eine eigene faircloud-Instanz mit 1 TB Speicher kostet 252 € im Jahr (Einrichtung, Hosting und Support inklusive, unlimitierte Nutzerzahl). Meine eigene Rechnung dagegen sieht so aus:

  • Ein aktuelles Synology-Bundle mit 2 × 4 TB Festplatten kostet derzeit rund 639 €. Damit hätte ich, gespiegelt, 4 TB nutzbaren Speicher – viermal so viel wie die 1-TB-Instanz bei fairkom.
  • Meine externe 1-TB-Backup-Festplatte hat vor rund fünf Jahren etwa 80 € gekostet.
  • Macht zusammen rund 719 € Anschaffungskosten.
  • Beim Stromverbrauch gibt Synology für die DS223 laut Datenblatt 17,3 Watt im Zugriff und 4,1 Watt im HDD-Ruhezustand an. Bei einem realistischen Nutzungsmuster komme ich bei unserem Strompreis von 28 ct/kWh auf etwa 14 € im Jahr für den Betrieb – je nach Nutzungsintensität zwischen 10 € und 43 €.

Ich nutze meine NAS seit 2022 und plane, sie so lange zu betreiben, bis es keine Sicherheitsupdates mehr für sie gibt – realistisch schätze ich das auf etwa sieben Jahre Gesamtnutzungsdauer. Über diesen Zeitraum gerechnet: rund 719 € Anschaffung plus etwa 98 € Strom macht insgesamt rund 817 € – umgerechnet knapp 117 € pro Jahr. Die Faircloud-Instanz würde im selben Zeitraum 7 × 252 € = 1.764 € kosten, also gut das Doppelte, bei einem Viertel des Speicherplatzes.

Rein finanziell ist meine Lösung also klar günstiger. Was in dieser Rechnung aber nicht auftaucht, ist genau der Punkt, um den es bei Souveränität eigentlich geht: Bei fairkom bekomme ich ein Support-Ticketsystem, garantierte Verfügbarkeit und jemanden, der sich um Updates und Ausfälle kümmert. Bei mir bin ich das. Die fehlende zweite Backup-Kopie, von der ich weiter oben geschrieben habe, ist genau die Art von Lücke, die bei einem professionell betriebenen Dienst gar nicht erst entstehen würde. Bequemlichkeit hat eben einen Preis – nur zahlt man ihn bei fairkom in Euro und bei mir in Zeit, Sorgfalt und dem Risiko, selbst etwas zu übersehen. Für mich persönlich ist das aktuell der bewusst gewählte Tausch. Für jemanden, der weniger Lust oder Zeit hat, sich mit Firewalls und Backup-Strategien zu beschäftigen, ist eine Faircloud-Instanz eine ernstzunehmende, deutlich bequemere Alternative zu Google Drive oder OneDrive – und unterstützt nebenbei ein genossenschaftliches statt ein börsennotiertes Unternehmen.

Von sozialen zu asozialen Medien

Ich bin mit ICQ und SchülerVZ aufgewachsen, später kamen Facebook und Instagram dazu – TikTok und Snapchat hatte ich nie. In den Anfangsjahren ging es bei diesen Plattformen wirklich darum, Menschen zu verbinden und Kommunikation zu erleichtern. Mit der Zeit haben sie sich aber, in bester Glücksspiel-Manier, zu aufmerksamkeitsoptimierten Werbeplattformen entwickelt. Die Inspiration, die man dort vielleicht noch findet, wiegt den Schaden – zu viel Bildschirmzeit, ständige Vergleiche, ein diffuses Unwohlsein danach – für mich nicht mehr auf.

Ist das nur mein subjektives Gefühl, oder lässt sich das belegen? Die Gemeinsame Forschungsstelle (JRC) der EU-Kommission fand 2022 in einer EU-weiten Erhebung einen klaren Zusammenhang zwischen passiver Social-Media-Nutzung – also reinem Konsumieren ohne selbst aktiv zu werden – und Einsamkeitsgefühlen. 34,5 % der 16- bis 30-Jährigen verbringen demnach über zwei Stunden täglich mit sozialen Medien oder Messengern. Ganz sauber ist die Sache aber nicht: Andere Untersuchungen zeigen, dass soziale Medien auch helfen können, bestehende Freundschaften über Distanz zu pflegen – pauschal „Social Media macht einsam“ lässt sich also (noch) nicht sagen. Was ich daraus mitnehme: Es kommt stark darauf an, ob man aktiv in Kontakt bleibt oder nur passiv durch fremde Leben scrollt. Bei mir war es über die Jahre eindeutig Letzteres.

Dazu kommt der Punkt, den viele verdrängen: Diese Dienste sind nicht kostenlos. Man bezahlt mit Daten, mit Aufmerksamkeit und, ganz konkret, mit Lebenszeit. Für mich haben sich die sozialen Medien eher zu asozialen Medien entwickelt – Menschen verbringen mehr Zeit in der virtuellen Welt, als tatsächliche soziale Interaktionen mit echten Menschen einzugehen.

Wie viel wissen Google, Meta und Co. wirklich über un„?

„Man bezahlt mit Daten“ klingt griffig, aber was heißt das konkret? Eine Surfshark-Untersuchung von 2026, die 171 Apps im Apple App Store analysierte, gibt eine Hausnummer: Meta-Apps (Facebook, Messenger, Instagram) greifen im Schnitt auf 25 von 35 möglichen Datenkategorien zu – mehr als dreimal so viel wie der Durchschnitt bei Microsoft oder Apple. Google liegt bei 17 Datenkategorien, Amazon bei 12, Microsoft bei 8.

Noch konkreter wird es bei einer Studie der Vanderbilt University: Android-Smartphones fragen selbst im Ruhezustand rund 40 Mal pro Stunde Daten ab, bei aktiver Nutzung sogar 90 Mal pro Stunde. Bei iPhones sind es zum Vergleich 4 und 18 Abfragen pro Stunde – deutlich weniger, aber auch nicht null. Das sind keine abstrakten Zahlen mehr, sondern ein sehr konkretes Bild davon, wie oft im Hintergrund Informationen über uns gesammelt werden, ohne dass wir aktiv etwas tun.

Marktmacht und Steuervermeidung: Was Big Tech wirklich zum Gemeinwohl beiträgt

Diese Datenmengen sind kein Selbstzweck – sie sind die Grundlage für die Marktmacht, die mich politisch stört. Ein Vergleich, der mich bei der Recherche selbst überrascht hat: Die fünf größten US-Tech-Konzerne (Nvidia, Alphabet, Apple, Microsoft, Amazon) kamen im Mai 2026 zusammen auf eine Marktkapitalisierung von 20,81 Billionen US-Dollar – mehr als das gemeinsame Bruttoinlandsprodukt der fünf größten europäischen Volkswirtschaften Deutschland, Vereinigtes Königreich, Frankreich, Italien und Spanien zusammen (18,14 Billionen US‑Dollar). Fünf Unternehmen sind an der Börse also mehr wert, als fünf große Volkswirtschaften in einem ganzen Jahr erwirtschaften.

Was mich dabei besonders ärgert, ist die Frage, was davon eigentlich beim Gemeinwohl ankommt. Eine Studie des Netzwerks Steuergerechtigkeit im Auftrag der Linksfraktion im EU-Parlament fand, dass Apples effektiver Steuersatz in der EU zwischen 2015 und 2017 bei nur 0,7 bis 8,8 % lag – der EU-Durchschnitt liegt bei 21 %. In der Spitze, in Irland im Jahr 2014, waren es sogar nur 0,005 %, umgerechnet 50 € Steuern auf eine Million Euro Gewinn. Gleichzeitig erwirtschafteten allein die „Big Five“ 2024 einen Nettogewinn von zusammen über 400 Milliarden US‑Dollar. Seit 2024 gilt zwar eine globale Mindeststeuer von 15 %, die von der OECD ausgehandelt wurde, das strukturelle Problem der Gewinnverschiebung in Niedrigsteuerländer wie Irland oder Luxemburg bleibt aber bestehen. Wenn eine x-beliebige Bäckerei nebenan effektiv einen höheren Steuersatz zahlt als ein globaler Tech-Konzern, ist das für mich schlicht keine Steuergerechtigkeit.

Reicht der Boykott eines Einzelnen überhaupt?

Angesichts dieser Zahlen eine berechtigte Gegenfrage, die ich mir selbst gestellt habe: Ein einzelner gelöschter Account ändert nichts an Metas Quartalszahlen. Wirkt mein Rückzug also überhaupt, oder ist es nur eine persönliche Wellness-Entscheidung, die ich politisch verbrämse?

Ich sehe das als klassisches Henne-Ei-Problem – ähnlich wie bei E-Autos, wo lange unklar war, ob zuerst mehr Fahrzeuge oder mehr Ladesäulen kommen müssen. Die Gesellschaft wählt in der Breite das bequemste, verfügbare Produkt. Gute europäische Alternativen existieren bereits, aber sie können nur wachsen und benutzerfreundlicher werden, wenn sie auch zahlende Nutzer haben. Jemand hält immer die Macht über die Daten – die Frage ist nur, wer. Mir ist ein europäisches Unternehmen, das wir als Europäer regulatorisch besser kontrollieren können, oder eine Open-Source-Lösung lieber als ein US-Konzern.

Eine Recherche-Erkenntnis will ich mir dabei aber nicht schönreden: Der Draghi-Bericht, den die EU-Kommission 2024 in Auftrag gegeben hat, kommt zu dem Schluss, dass rund 70 % der Pro-Kopf-BIP-Lücke zwischen den USA und der EU auf fehlende digitale Infrastruktur und fehlende eigene, skalierte Tech-Konzerne zurückgehen – nicht auf zu hohe Löhne oder zu viel Regulierung, sondern schlicht auf zu wenig Investition und Kapital für europäische Scale-ups. Das relativiert die Wirkung meines persönlichen Boykotts noch einmal zusätzlich: Das eigentliche Problem ist wohl weniger der fehlende Wille einzelner Nutzer als eine fehlende europäische Industriepolitik. Für mich ändert das nichts an meiner persönlichen Entscheidung – aber es zeigt, dass individuelles Verhalten allein das strukturelle Problem nicht lösen wird. Es geht mir also um zweierlei gleichzeitig: persönliche Integrität und ein sozioökonomisches Gerechtigkeitsanliegen, das am Ende nur politisch und wirtschaftlich auf europäischer Ebene wirklich gelöst werden kann.

Deshalb bin ich inzwischen bei Firefox mit Ecosia als Suchmaschine, nutze kein Amazon mehr und teste bei Kartenanwendungen bewusst Here We Go statt Google Maps.

Die Ausnahme, die ich nicht schönreden will: LinkedIn

Ich habe praktisch alles gelöscht – außer LinkedIn. Auch das ist ein US-Konzern (Microsoft), der ähnlich viele Daten sammelt wie Meta oder Google. Ich habe versucht, es ausschließlich als Arbeitswerkzeug und Netzwerk für meine berufliche Karriere zu behandeln. Offen gesagt gefällt mir aber auch dort die Entwicklung nicht: zu viel Gewicht auf Clickbait und Zuspitzung, zu wenig auf Faktenbasis. Das ist letztlich ein Problem, das ich bei vielen Medien sehe – und bei unserer Psyche, die auf genau solche Reize anspringt, weil sich Negatives einfacher verkauft als Positives. Ich überlege ernsthaft, auch von LinkedIn wegzugehen. Aktuell ist das aber bewusst offen, keine gelöste Frage – und genau das will ich hier auch so stehen lassen, statt eine Konsequenz vorzutäuschen, die ich noch nicht umgesetzt habe.

Alternativen im Alltag – und wo es noch hakt

Ein paar Dinge, die ich aktuell ausprobiere: Goodnews zeigt mir täglich eine kleine Auswahl an Nachrichten, die auf der Welt positiv laufen – ein schöner Ausgleich zum sonst oft negativ verzerrten Nachrichtenstrom. Signal funktioniert im Alltag einwandfrei als WhatsApp-Ersatz; damit Kontakte mich trotzdem erreichen, habe ich mir WhatsApp Business installiert und eine automatische Antwort eingerichtet, die bittet, stattdessen über Signal zu schreiben oder anzurufen. Mu.social (ein Mastodon-Server) schaue ich mir gerade an, bin dort aber bisher nicht sonderlich aktiv – auch dort wirkt eine Aufmerksamkeitsökonomie, die eher negative oder polarisierende Inhalte ausspielt.

Der größte Komfortverlust bisher: Here We Go als Maps-Alternative zu Google Maps. Es fehlen noch viele Einträge — Geschäfte, Ladesäulen, Tankstellen, Ärzte, Behörden. Auch hier wieder das Henne-Ei-Problem: Damit der Dienst besser wird, müssten mehr Menschen ihn nutzen und Orte eintragen. Ich versuche inzwischen selbst, aktiv Einträge zu ergänzen, statt nur zu konsumieren.

Meine nächsten Schritte

Oberste Priorität hat für mich dieses Jahr die Backup-Lösung – die Brandschutz-Lücke will ich nicht auf die lange Bank schieben. Danach stehen weitere Vorhaben an, bewusst nicht überstürzt: Mein iPhone tausche ich gegen ein Linux-fähiges Smartphone, aber erst, wenn es seinen Dienst wirklich quittiert – aus Nachhaltigkeitsgründen kein funktionierendes Gerät vorzeitig zu ersetzen, ist mir wichtiger als schnelle Konsequenz. Meine Frau benötigt ohnehin bald einen neuen Laptop, und den wollen wir erstmals mit Linux ausprobieren, um zu sehen, ob es sich in unseren Alltag integrieren lässt.

Ungelöst ist bislang der Bereich Streaming und Video: Unser Fernseher ist 16 Jahre alt und nicht smart, weshalb wir einen Fire-TV-Stick nutzen – dafür habe ich noch keine überzeugende europäische Alternative gefunden. Ähnlich sieht es bei YouTube aus, das ich für Inhalte zu Nachhaltigkeit, Minimalismus und Politik nutze: Eine Alternative hängt stark davon ab, wo die jeweiligen Creator ihre Inhalte überhaupt hochladen – das ist nicht allein meine Entscheidung. Beides würde ich gerne ausführlicher in einem eigenen Beitrag zu Software-Alternativen behandeln, weil es hier eigentlich um Daten und nicht um Software im Allgemeinen gehen sollte.

Fazit: Was bleibt, und was jetzt zu tun wäre

Kurz zusammengefasst, was die Recherche für diesen Artikel gezeigt hat:

  • Big Tech sammelt in sehr unterschiedlichem Ausmaß Daten – Meta am aggressivsten, gefolgt von Google, Amazon und Microsoft – und tut das teils mehrere Dutzend Mal pro Stunde, auch im Hintergrund.
  • Die Marktmacht dahinter ist real messbar: Fünf US-Konzerne sind an der Börse mehr wert als das BIP der fünf größten europäischen Volkswirtschaften zusammen.
  • Diese Konzerne tragen unterproportional zum europäischen Gemeinwohl bei – effektive Steuersätze im niedrigen einstelligen Prozentbereich stehen Rekordgewinnen von jährlich hunderten Milliarden Dollar gegenüber.
  • Ob Social Media tatsächlich „asozial“ macht, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt – die Datenlage stützt aber klar, dass passiver Konsum mit Einsamkeit korreliert.
  • Gleichzeitig zeigt der Draghi-Bericht, dass Europas eigentliches Problem weniger der einzelne Nutzer ist, sondern eine über Jahrzehnte verschlafene digitale Industriepolitik.

Was heißt das jetzt ganz praktisch? Ich unterscheide bewusst zwischen dem, was jede und jeder von uns selbst in der Hand hat, und dem, was nur politisch lösbar ist.

Eigenverantwortlich lässt sich einiges bewegen: den eigenen Datenverbrauch bei den großen Plattformen bewusst reduzieren, wo es leicht fällt (Suchmaschine, Kartendienst, Cloud-Speicher); passive Social-Media-Nutzung hinterfragen, statt nur zu konsumieren; wo möglich europäische oder genossenschaftliche Alternativen aktiv nutzen und mit Geld unterstützen, statt nur zu wünschen, dass sie existieren — denn ohne zahlende Nutzer bleiben sie klein; und, wo es passt, selbst zur besseren Datengrundlage beitragen (z. B. Orte in Here We Go eintragen), statt auf die perfekte, bereits ausgereifte Alternative zu warten.

Politisch bräuchte es dagegen deutlich mehr als Einzelentscheidungen: eine konsequente Schließung der Steuerschlupflöcher über die globale Mindeststeuer hinaus, spürbar mehr öffentliches und privates Kapital für europäische Scale-ups, wie es der Draghi-Bericht mit einem zusätzlichen Investitionsbedarf von jährlich bis zu 800 Milliarden Euro beziffert, und eine Datenschutz- und Wettbewerbspolitik, die Marktmacht nicht nur mit Milliardenstrafen quittiert, sondern strukturell begrenzt, bevor sie entsteht.

Für mich persönlich bedeutet das: Ich mache an meiner Stelle weiter, ohne mir einzureden, dass mein eigener Ausstieg allein das Problem löst. Beides schließt sich nicht aus.

Was ich dir wünsche

Wenn du beim Lesen denkst, ohne Instagram, Amazon oder Google Maps sei ein normales Leben kaum vorstellbar: Das habe ich am Anfang auch gedacht. Es geht nicht darum, radikal und über Nacht auszusteigen, sondern schrittweise die Bereiche zu identifizieren, in denen dir die Kontrolle über deine eigenen Daten wirklich wichtig ist – und dort anzufangen, auch wenn die Alternative bisher nicht perfekt ist. Bei mir war das der Punkt, an dem Bilder meiner Tochter ins Spiel kamen. Bei dir ist es vielleicht ein anderer.

Miss nicht nur deinen Energie- oder Konsumverbrauch, sondern auch, wie viele deiner Daten und wie viel deiner Zeit du kostenlosen Diensten überlässt – und wer davon eigentlich profitiert.

Viele Grüße von einem normalen Typ. Schön, dass du da bist.

Kleiner Ausblick: Zwei Themen aus diesem Beitrag verdienen einen eigenen, tieferen Artikel – die konkrete technische NAS- und Backup-Konfiguration, und eine ausführliche Übersicht europäischer Software-Alternativen inklusive Streaming und Video.

Quellen

Quellen – The New York Times (2022) sowie deutschsprachige Berichterstattung (heise online, Golem/Borncity, futurezone.at, giga.de, Tuta): Fall eines Vaters in San Francisco, dessen Google-Konto nach medizinischen Fotos seines Kleinkindes für den Kinderarzt dauerhaft gesperrt wurde, obwohl die polizeilichen Ermittlungen eingestellt wurden – Microsoft-Studie zur Energieeffizienz von Cloud- vs. klassischer Server-Infrastruktur: bis zu 93 % Energieeinsparung, bis zu 98 % CO₂-Einsparung — zitiert nach plusserver.com – PUE (Power Usage Effectiveness) als Kennwert für Rechenzentrums-Energieeffizienz — plusserver.com, rewion.com – fairkom (Österreich): Gemeinwohlorientierte Gesellschaft, hervorgegangen aus der ALLMENDA Social Business Genossenschaft, Mitglie„ der „Genossenschaft für Gemeinwohl““”; faircloud-Preise und Produktdetails — fairkom.eu, shop.fairkom.net – Synology DS223: technische Daten zum Stromverbrauch (17,3 W im Zugriff, 4,1 W im HDD-Ruhezustand) — Herstellerangaben Synology – Hasso-Plattner-Institut: Identity Leak Checker, kostenloser Dienst zur Prüfung von E-Mail-Adressen gegen bekannte Datenlecks — ilc.hpi.de – Gemeinsame Forschungsstelle (JRC) der Europäischen Kommission (2022): Zusammenhang zwischen passiver Social-Media-Nutzung und Einsamkeit, EU-weite Erhebung — zitiert nach basicthinking.de – Surfshark (2026): Analyse von 171 Apps zu gesammelten Datenkategorien (Meta 25/35, Google 17/35, Amazon 12/35, Microsoft 8/35) — zitiert nach euronews.de – Vanderbilt University / Digital Context Next: Häufigkeit von Datenabfragen bei Android- und iOS-Geräten pro Stunde — zitiert nach Statista – Euronews (Mai 2026): Vergleich der Marktkapitalisierung der fünf größten US-Tech-Konzerne (20,81 Billionen USD) mit dem BIP der fünf größten europäischen Volkswirtschaften (18,14 Billionen USD) – Netzwerk Steuergerechtigkeit (im Auftrag der Linksfraktion im EU-Parlament): effektiver EU-Steuersatz von Apple 2015–2017 (0,7-8,8 %) vs. EU-Durchschnitt (21 %); EU-Kommission: effektiver Steuersatz von 0,005 % in Irland 2014 – Deutsche Wirtschafts Nachrichten (2025): Nettogewinne der „Big Five“ 2024 (zusammen über 400 Mrd. USD) – Draghi-Bericht (2024, im Auftrag der Europäischen Kommission): rund 70 % der Pro-Kopf-BIP-Lücke zwischen USA und EU durch mangelnde digitale Infrastruktur; zusätzlicher Investitionsbedarf von bis zu 800 Mrd. Euro pro Jahr — zitiert nach thedlf.de, oegfe.at

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